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ZwischenWelten


 

Jerusalemer Tagebuch-Geschichten
von Anna Crummenerl,
Sommer 2003, 36 S., 10,00 € + Versand --> bestellen

Aus dem Inhalt:
Westbank via Israel (Vorwort)
Zum Tango tanzen brauchst du zwei
Nicht für eine Million Dollar

Westbank via Israel

... las ich als Absender auf ihrem Brief, den die jungen Frauen aus dem Jahalin-Beduinen-Camp mir nach Deutschland schickten. Die Welt da draußen, wie Imam, eine andere junge Beduinin, sie nannte.

Als ich nach kurzem Aufenthalt in Deutschland nach Jerusalem zurückkehrte, fragte sie mich, ob die Welt da draußen sie wohl vergessen habe, ihre Familien, das Flüchtlingscamp.
Sie, die Jahalin-Beduinen am Rande der Judäischen Wüste, vor den Toren Jerusalems.
Das war im Spätsommer letzten Jahres, 2002.
Zu dieser Zeit arbeitete ich schon zwei als Voluntärin der israelischen Menschenrechts-Organisation "Rabbiner für Menschenrechte" mit den Kindern und jungen Frauen im Jahalin-Camp. Diese lernte ich während des Praktikums in meiner Ausbildung zur Zivilen Friedensarbeiterin kennen.

So begann meine Geschichte mit diesen Menschen.
Seitdem pendele ich zwischen Jerusalem und Köln.
Bei meinen Aufenthalten in Deutschland, bei Veranstaltungen und Lesungen, konnte ich von meinem "Zwischen den Welten-Leben" erzählen. Ermutigend waren diese Erfahrungen für mich. So konnten mit dem Verkaufserlös meiner ersten Jerusalemer Tagebuch-Geschichten Wir möchten alle den Himmel über uns sehen die gesamten Studienkosten von Imam, der ersten Studentin im Camp, finanziert werden.
Seit Oktober letzten Jahres gibt es eine zweite Studentin bei den Jahalin-Beduinen: Mariam.
Und in diesem Sommer beendeten Khadijia, Ibtisam und Intisar erfolgreich die Schule.
Es war ein Fest und es wurde gefeiert.
Nun werden ab Herbst 2003 fünf junge Beduinen-Frauen an der AL-Quds Universität in Jerusalem ihr Studium beginnen und fortsetzen.

Viele zarte-starke Bande sind entstanden.
Sie stärken und weitertragen, davon erzählen diese neue Geschichten.
Allen, die dabei ihre Unterstützung gaben, meinen tiefsten Dank.
Anna Crummenerl

Zum Tango tanzen brauchst du zwei

Einmal schon hatte ich seinen Posten passiert, trug die Taschen einer betagten Palästinenserin. Auf meinem Rückweg befahl er mir, stehen zu bleiben. Ein israelischer Soldat. Er steht auf einem aufgeworfenen Hügel und beobachtet die Passierwege am Checkpoint in Kalandia, dem Nadelöhr zwischen Jerusalem und Ramallah.

Ich befürchte schon den direkten Verweis aus diesem "Korridor", weiß ich doch, dass ein Aufenthalt nicht erlaubt ist.

Doch ich höre eine Frage.

S: "Was machst du hier?"
A: "Ich helfe ein wenig älteren Menschen, Müttern und Kindern beim Pssieren des Checkpoints."
S: "Woher kommst du?"
A: "Aus Deutschland."

Er scheint überrascht.

S: "Meinen Respekt!" "Sot Mizwa!" "Ein guter Dienst!"

Das erstaunt mich nun wieder.

Er fragt weiter.

S: "Weißt du, warum du gerade hier - an diesem Ort - bist?"
A: "Manchmal schon."
A: "Und du, weißt du, warum du hier stehst?"
S: "Nicht immer."
A: "Weißt du es heute? Jetzt, in diesem Augenblick?"
S: "Ja, heute gibt es einen Grund, hier zu stehen."

Am frühen Morgen explodierte ein Autobus auf dem Weg von Tel-Aviv nach Haifa. Viele Menschen starben und wurden verletzt. Ein neuer Schock für die israelische Gesellschaft.
Große Wunden klaffen auf. Reflexhaft die unmittelbaren Reaktionen: Abriegelungen ganzer palästinesischer Dörfer, geschlossene Checkpoints, verschärfte Kontrollen. Alle spüren es, unmittelbar.
Der Tag war grau, stürmisch, der Herbst hielt Einzug. Es regnete. Lange Menschenschlangen sammelten sich. Es war in den Tagen des Ramadan. Die Menschen bepackt mit großen Tüten, Paketen, Geschenken zur Feier für den Abend, dem täglichen Fastenbrechen.
Zu uns dringen die Befehle der Soldaten. Wut, Zorn und Angst höre ich in ihren Stimmen. Nichts scheint mehr zu gehen.
Ob das wohl die angemessene Antwort sei? Ob es da nicht einen anderen Weg gäbe?
Das fragte ich ihn. Mich auch.

S: "Tango tanzen kannst du nicht alleine. Zum Tango brauchst du zwei."
A: "Ja, das stimmt. Doch diese festgefahrene Reaktion der Reaktion der reaktion... Da bewegt sich doch nichts mehr, nicht wirklich hoffnungsvolles. Einen neuen Schritt lernen. Wie beim Tanzen. Ein Partner macht den Anfang, tanzt ihn. Vielleicht entsteht dann was wirklich Neues. Man könnte ja mal üben."

Er hob etwas resigniert seine Schultern:

S: "Dafür ist es wohl schon zu spät."

So endete unser Gespräch.
Einige Stunden später. Ich passiere wieder seinen Kontrollposten und sehe ihn in einem Gespräch mit einem anderen Soldaten. Er sieht mich, deutet mit seinen Händen auf den jungen Mann neben sich und ruft mir zu:
"Ich erzähle ihm gerade die Geschichte vom Tango..."

Nicht für eine Million Dollar

Sie war so aufgeregt, hatte in aller Eile sogar sämtliche Papiere vergessen: Führerschein und Identitätskarte. Und das in der westbank, wo du dich ohne ID-Karte nicht aus dem Hause bewegen solltest. Das könnte gefährlich werden.
Aber nun waren wir schon auf dem Weg von Bethany in der Westbank nach Maale-Adumim, der israelischen Siedlung.

Am Ortseingang würden wir sie stehen sehen.
Wir - das waren Samar, eine Palästinenserin und Leiterin eines Waisenhauses, und ich, Anna, bis zum Jahr 2000 Inhaberin einer Bäckerei in Köln. Sie - das waren zwei Männer aus Tel-Aviv, Israelis und Hersteller von Bäckerei-Maschinen.
Erleichtert nahmen die beiden Männer auf den Rücksitzen in Samars Auto Platz.
Einmal tief durchatmen und ein lautes "nicht für eine Million Dollar hätten wir diese Fahrt gemacht, wüssten wir nicht um dich, Samar und deine wertvolle Arbeit."

Welche Welten kommen hier zusammen?
Ich habe Samar im letzten Jahr kennen gelernt. Freunde erzählten mir von ihrem Plan, eine Bäckerei aufzubauen. Das machte mich natürlich neugierig. Was für eine Frau. Welche Tatkraft, welchen Mut sie aufbrachte.
So gaben Freunde aus aller welt finanzielle Unterstützung für dieses Projekt. Im Frühling diesen Jahres reichte das Geld, um das Ganze in Angriff zu nehmen.
Sie versuchte, palästinensische Geschäftspartner für die Einrichtung der bäckerei zu finden. Diverse Gründe ließen diese Verbindung nicht zustande kommen.
So sah sie sich nach Geschäftspartnern in Israel um. Sie, die Palästinenserin.
Alles schien auch - gemessen an den Umständen - ohne große Komplikationen zu verlaufen. Erst einmal!
Eine Garage wurde umgebaut - Pläne erstellt - Maschinen bestellt. All dies vor dem Hintergrund immer wieder neuer politischer Katastrophen. Dann der Tag der Anlieferung der lange erwarteten Maschinen. Große Maschinen.
Große Aufregung.
Doch die israelischen Lieferanten weigerten sich, nach Bethany in die Westbank zu kommen. Sie würden die Maschinen lediglich bis zur Grenze der Westbank bringen, nach Maale-Adumim. Für alles weitere würden sie keine Verantwortung mehr übernehmen. Als Israeli in die Westbank? Nein! Zu gefährlich!
Samar war fassungslos... ratlos. Niemand der Helfer in ihrem Umkreis hatte das Know-how, diesen Maschinenpark in Bewegung zu setzen.
Ein Elektriker machte sich in aller Not ans Werk, konnte jedoch die mitgelieferten Pläne nicht richtig übersetzen. Ein Desaster.
Ein Rechtsanwalt wurde eingeschaltet...
In diesen Tagen rief mich Samar an und erzählte mir die Geschichte.
Wie bringen wir die israelischen Männer nach Bethany? Da machte ich ihr den Vorschlag, dieses "Frauentaxi" einzurichten. Ich würde sie begleiten. Samar war sofort einverstanden. Am selben Tag noch rief sie zurück:

Anna, du glaubst es nicht. Sie kommen. Morgen 10.00 Uhr. Treffpunkt: Maale Adumim.
So kam es, dass wir vier in Samars Auto auf dem Weg zur Bäckerei saßen.
Für einige Stunden waren die palästinensischen und israelischen Männer beschäftigt.
Samar fielen viele Steine vom Herzen. Ihr Dankeschön an alle war eine Einladung zu einem wundervollen arabischen Essen in einem Restaurant in El-Assariah. Was für eine Runde in diesen Zeiten: die palästinensischen Handwerker, junge Männer und Kollegen aus Samars Waisenhaus, der Rechtsanwalt aus Ramallah, die beiden Männer aus Israel und ich.
Am frühen Abend wurden die beiden Männer sicher nach Maale-Adumim zurückgebracht.
Wir waren alle etwas ausgelassen und haben viel gelacht. Den Checkpoint bei der AUsfahrt haben wir fast gar nicht bemerkt.
Aber was ist schon ein Checkpoint... wurden doch heute ganz andere Grenzen überschritten.